Frühjahrsempfang der AWO in Gladbeck

Frühjahrsempfang der AWO Westliches Westfalen in der Maschinehalle Zweckel in Gladbeck: Hier, „in einer Hochburg der AWO", wie Bezirksvorsitzender Bodo Champignon zur Eröffnung der Traditionsveranstaltung betonte, waren am dritten Sonntag im März über 500 haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter des Wohlfahrtsverbandes sowie Partner aus Politik, Verwaltung, Verbänden und Wirtschaft zusammengekommen. Im Mittelpunkt: Die Rede Michael Schefflers, sozialpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im aufgelösten Düsseldorfer Landtag und designierter Nachfolger Bodo Champignons an der Spitze des AWO-Bezirks. Er mahnte angesichts wachsender Altersarmut eindringlich zu einer „verantwortungsbewussten Vorsorgepolitik".

Für die AWO Westliches Westfalen ist es mittlerweile gute Tradition, den Frühjahrsempfang in Industriedenkmalen auszurichten. Die Maschinenhalle der ehemaligen Schachtanlage Zweckel, seit 1997 ein Standort der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, gilt als eines der schönsten Beispiele für Erhalt und Umnutzung dieser „Kathedralen der Arbeit". Sie ist unter anderem Spielstätte der Ruhrtriennale, eines der wichtigsten Kultur-Festivals im Ruhrgebiet.

Für den Frühjahrsempfang der AWO bot die im Stil des Historismus erbaute Halle den idealen Rahmen. „Hier kommt die AWO nach Hause, hier hat sie eine große Tradition", formulierte Gladbecks Bürgermeister Ulrich Roland in einem Grußwort und zitierte aus Herbert Grönemeyers Ruhrgebiets-Hymne: „Hier, wo das Herz noch zählt, nicht das große Geld". Auch Cay Süberkrüb, Landrat des Kreises Recklinghausen, hob die besondere Rolle der AWO im gesellschaftlichen Gefüge vor Ort hervor: „Wir alle wissen um die Bedeutung der AWO als Akteur der Sozialpolitik, als kompetenten Dienstleister und als politischen Gesprächspartner, der weiß wo die Glocken hängen. Die AWO kennt die Bedürfnisse der Menschen vor Ort sehr genau." Beide Redner betonten zudem die besondere Bedeutung des Ehrenamts für eine funktionierende Gesellschaft. „Ohne das Ehrenamt würde das Herz der AWO nicht so kräftig schlagen", so Cay Süberkrüb.

Auch Michael Scheffler, der für den durch die Bundesversammlung in Berlin gebundenen Franz Müntefering nach Gladbeck gekommen war, würdigte den Einsatz für das Gemeinwohl: „Nach einer turbulenten Woche in Düsseldorf ist es schön bei der AWO zu sein – mit so viel vertrauten Gesichtern, von denen man weiß, wie sehr sie sich für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft engagieren."
Der Sozialpolitiker zitierte zu Beginn seiner Rede aktuelle Zahlen aus dem AWO-Sozialbarometer: „34 Prozent der Bürger befürchten, später von Altersarmut betroffen zu sein. Bei den jungen Menschen in den Zwanzigern sind es sogar 49 Prozent." Angesichts dieser Ängste, die angesichts von Lohndumping, unsicheren Arbeitsverhältnissen und der Benachteiligung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt durchaus begründet seien, fordert der Sozialpolitiker „rechtzeitige Prävention statt eines später teuren Reparaturbetriebs". Er verlangt: Wer anständig arbeitet, braucht anständige Arbeitsbedingungen und einen anständigen Lohn." Als unverzichtbare Bausteine im Kampf gegen die Altersarmut nennt er deshalb unter anderem die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns und bessere Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Eine verantwortungsbewusste Vorsorgepolitik setzt für Michael Scheffler allerdings deutlich früher an: Dringend erforderliche Investitionen in die Bildung müssen das System durchlässiger machen und weitestmögliche Chancengleichheit garantieren. „Es kann doch nicht sein, dass auf einen Aufsteiger in unserem Schulsystem neun Absteiger kommen und jedes Jahr 58.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen." Mit Blick auf den sich gleichzeitig zuspitzenden Fachkräftemangel mahnt er: „Wir können es uns nicht erlauben, auf diesen Nachwuchs zu verzichten." Seine Forderungen: längeres gemeinsames Lernen, kostenlose Bildung, Verbesserungen beim Übergang von Schule in den Beruf und mehr Hilfen für Menschen mit Migrationshintergrund. Eine klare Absage erteilt er dem vielkritisierten Bildungs- und Teilhabepaket: „Das Geld muss direkt an Einrichtungen vor Ort wie Schulen und Kindergärten fließen. Da weiß man genau, wo der Schuh drückt." Harte Worte auch zur so genannten Instrumentenreform: „Die muss zurückgedreht werden. Allein in diesem Jahr fehlen deshalb in Nordrhein-Westfalen 300 Millionen Euro für Programme, mit denen wir Langzeitarbeitslosen wieder zu einer Chance auf dem Arbeitsmarkt verhelfen könnten." Michael Scheffler verlangt ebenso rasches wie überlegtes Handeln: „Viele Herausforderungen liegen vor uns, denen wir uns jetzt stellen müssen, nicht irgendwann." Und mit Blick auf die bevorstehende Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen betont Scheffler: „Berlin hat keinen Kompass in der Sozialpolitik. Wir brauchen in diesem Land klare Verhältnisse, um im Bund als Korrektiv tätig sein zu können."

Ein musikalisch-kabarettistisches Feuerwerk boten Bruno „Günna" Knust und seine Hartz-Vegas-Segas-Band zum Abschluss des Frühjahrsempfangs. Zu Beginn hatten bereits die Zucchini Sistaz für musikalische Unterhaltung gesorgt. Die Verpflegung der Gäste hatte der „MDS – Münsteraner Dienstleistungs-Service", ein gemeinsamer Integrationsbetrieb für Menschen mit Behinderungen der AWO und der Lebenshilfe Münster, übernommen.